Affolter-Modell®
Das Affolter-Modell® beruht auf 40 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Wahrnehmungsstörungen in Zusammenhang u.a. mit erschwertem Spracherwerb, tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus), erworbenen Hirnschädigungen und degenerativen Erkrankungen des Nervensystems. Im Rahmen dieser Arbeit entstanden zwei grundlegende Fragen, und zwar, ob und wie sprachliche und nichtsprachliche Schwierigkeiten dieser Menschen in Beziehung stehen.
Das Entwicklungsmodell
1970 begann die Forschungsarbeit. Der "Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung" (SNF) finanzierte während der ersten 10 Jahre mehrere Querschnittuntersuchungen und ein longitudinales Forschungsprojekt zu Fragen der kindlichen Entwicklung. Untersucht wurde die Beziehung von sprachlichen und nicht-sprachlichen Leistungen. Dabei kristallisierte sich die besondere Bedeutung der Entwicklung von Wahrnehmungsleistungen heraus (siehe auch Affollter & Bischofberger 2007)
Auf der Basis dieser Analysen war es möglich, allgemeingültige Aussagen sowohl zu gesunder als auch zu gestörter Entwicklung und auffälligem Verhalten zu machen. Daraus wurde ein eigenes Entwicklungsmodell erarbeitet. Die Hauptaussagen dieses Entwicklungsmodells lassen sich folgendermassen zusammenfassen (siehe auch Hofer et al. 2009):
- Entwicklung beruht auf einer Interaktion zwischen Person und Umwelt. Das heisst, dass die Entwicklung einerseits durch die Aktivitäten der Person, andererseits durch andere Menschen und Geschehnisse (Umwelt) beeinflusst wird.
- Interaktionsgeschehen begleitet den Menschen sein ganzes Leben lang. Die Entwicklung von einfacheren zu komplexeren Leistungen, bzw. Stufen beruht auf der Ausweitung der daraus gewonnenen (gespürten) Interaktionserfahrung.
- Angemessene Information zu räumlichen Beziehungen von Person und Umwelt (Wo-Informationssuche) und zu Ursache-Wirkungsbeziehungen (Was-Informationssuche) ist zentrale Bedingung für eine unauffällige Entwicklung.
- Im Rahmen einer unauffälligen Entwicklung kommt das Kind ab einem gewissen Ausmass an gespürter Interaktionserfahrung zur Auseinandersetzung mit "Geschehnissen" im Alltag. Diese Auseinandersetzung ist für das Lernen und die weitere Entwicklung von grosser Bedeutung.
- Die Komplexität einer Situation hat Auswirkungen auf die Organisationsleistungen im Hinblick auf die Wahrnehmung; entsprechend ist das Auftreten von auffälligem Verhalten, das auf eine Wahrnehmungsstörung hinweist, situationsabhängig.
So werden verschiedenste Störungen, angeborene wie erworbene (z.B. nach Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma), in Bezug zur Gesamtentwicklung gesehen und aus dieser Sicht erklärt.
Die Therapiemethode
Basierend auf diesem Entwicklungsmodell wird eine Therapiemethode vertreten, die den Menschen mit einer Wahrnehmungsstörung in der gespürten Informationssuche beim Lösen alltäglicher Probleme unterstützt. Es wird grosser Wert darauf gelegt, dass die Angehörigen an der Therapie teilnehmen. Die Zusammenarbeit beruht dabei auf einer partnerschaftlichen Beziehung, in welcher Vertrauen wachsen und gepflegt werden soll.
Die Methode findet Anwendung bei:
- Entwicklungsauffälligen Babys und Kleinkindern
- Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache, der Motorik und bei kombinierten Störungen
- Schulkindern mit Lernschwierigkeiten
- Jugendlichen mit Schwierigkeiten in der beruflichen Eingliederung
- Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus, Rett-Syndrom)
- Patienten mit erworbenen cerebralen Schäden (z.B. Schädelhirntrauma, Schlaganfall)
Das Modell wurde in den vergangenen Jahren immer wieder überarbeitet und wird auch heute weiterentwickelt. Es wird an verschiedenen Schulen, Heimen, Therapiestellen und Kliniken vor allem in der Schweiz und in Deutschland erfolgreich angewendet.
Die Universität von Minnesota (Center for Cognitive Sciences) hat die Gründerin dieses Modells, Frau Dr. Félicie Affolter, für ihre Arbeit mit behinderten Kindern in der ganzen Welt ausgezeichnet. Link zur Uni
Artikel im St. Galler Tagblatt
Herzliche Gratulation zu dieser Auszeichnung!