| St. Galler Tagblatt vom 10.06.2008: | |
Ehrung in MinnesotaWissenschaftspreis für die Wahrnehmungsforscherin Félicie AffolterSt. Gallen. Seit langem verfolgen Wissenschafter in den USA mit grossem Interesse die Forschungsarbeit der St. Gallerin Félicie Affolter. Nun erhielt sie in Minnesota für ihre Arbeit einen Wissenschaftspreis.
|
|
JOSEF OSTERWALDER «Sie hat Menschen, die an Autismus leiden, auf grossartige Weise helfen können; ihnen, ihren Familien und ihren Betreuern» – so begründet die Universität von Minnesota den Wissenschaftspreis, den sie kürzlich der St. Galler Psychologin und Psychotherapeutin Félicie Affolter verliehen hat. Er nennt sich «Distinguished Leadership Award for Internationals» (sinngemäss: Auszeichnung für ausserordentliche Führungsqualität bei international verbundenen Forschern) – ein Preis, der etwa dem Rang eines Ehrendoktorats entspricht. Voraussetzung sind bei diesem Award drei Kriterien: Die Forschung muss hohe wissenschaftliche Qualität haben, praktisch anwendbar und international vernetzt sein. Alle drei Kriterien sieht die Jury bei Félicie Affolter auf beispielhafte Weise gegeben. Darauf weisen die Exposés jener drei renommierten Wissenschafter hin, welche die St. Gallerin für den Preis empfohlen haben. Drei KriterienDie Bedeutung ihrer Forschung an Kindern mit Wahrnehmungsstörungen zeigt sich durch die grosse Verbreitung ihrer grundlegenden Publikationen, die in verschiedene Sprachen übersetzt und immer wieder aufgelegt, zu Standardwerken geworden sind. Diese Verbreitung verdankt ihre Arbeit dem Umstand, dass sie auch das zweite Kriterium erfüllt, die praktische Anwendbarkeit. August Flammer, emeritierter Professor der Universität Bern, zeigt auf, wie viele heilpädagogische Schulen und Rehabilitationszentren sich heute auf die von Félicie Affolter entwickelte Methode abstützen. Das dritte Kriterium, die internationale Vernetzung, ist für die St. Gallerin seit den 1950er-Jahren eine Selbstverständlichkeit; seit der Zeit, als sie der berühmte Genfer Entwicklungspsychologe Jean Piaget als Austauschstudentin in die USA geschickt hatte. Dort führte sie auch ihre Studien der menschlichen Wahrnehmung weiter, als 1980 ihr zehnjähriges Nationalfonds-Projekt in der Schweiz ausgelaufen war. Ausgangspunkt der Forschungen Félicie Affolters ist eine Erfahrung, die sie früh als Sprachtherapeutin gemacht hat. Ihr fielen Kinder auf, die normal sehen und hören können und dennoch ausserordentliche Mühe haben, sprechen zu lernen. Dies war umso seltsamer, als es seh- und hörbehinderte Kinder gibt, welche beim Spracherwerb kaum Schwierigkeiten zu haben scheinen. Beginn beim TastsinnDieses Phänomen weckte den Forscher- und Helferwillen. Und bald schon stellte die Therapeutin fest, dass es vor dem Sehen und Hören ein anderer, der Tastsinn, ist, der dem Baby die ersten Aussenerfahrungen vermittelt. In der Interaktion mit der unmittelbaren Umwelt bauen sich Bewusstsein und geistige Fähigkeiten auf. Wenn aber diese taktilen Fähigkeiten nicht entwickelt sind, der Tastsinn gestört ist, dann tritt auch in der Entwicklung des Kindes eine Störung ein, es zeigt ein Verhalten, das autistisch anmutet. Die Affolter-Methode setzt nun gerade dort an, wo die Störung ihren Ursprung hat; sie führt zu taktilen Erfahrungen hin und hilft, sie zu verarbeiten. Diese Methode hilft, nach einem Gehirntrauma verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen, besonders erfolgreich ist sie aber auch, Kindern mit Wahrnehmungsstörungen beim ersten Spracherwerb zu helfen. Schicksal einer SchuleEs gehört zu den St. Galler Pioniertaten, in den 1970er-Jahren eine besondere Schule für diese Störung eingerichtet zu haben. Doch als sich kürzlich der Bund aus der Finanzierung von Sonderschulen zurückgezogen hatte, beschloss der Kanton, die Schule für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen als eigenständige Institution aufzuheben. Das ist denn auch der bittere Beigeschmack der Preisverleihung für Félicie Affolter: «Heute setzt man in Europa auf jene aus der Verhaltensforschung abgeleiteten Methoden, die vor fünfzig Jahren in den USA in Mode waren, inzwischen aber weitgehend überwunden sind. Wir haben hier die Tendenz, die Fehler aus den USA zu wiederholen. Einfach mit einem halben Jahrhundert Verspätung.»
|
|